Annette Galinski war jahrelang Expertin für Architekturtexte. Heute begleitet die Wahl-Pfälzerin Menschen dabei, nach Verlusten oder Krisen ihr Inneres und ihr Zuhause neu zu ordnen. Ein mutmachendes Interview für Trauernde und Veränderungswillige.

Im Karriere-Coaching arbeite ich mit Menschen, die sich beruflich verändern wollen oder müssen. Annette kenne ich schon über 10 Jahre und schätze sie als Freundin und Kollegin. Als sie zu mir ins Coaching kam, wusste sie längst, wohin ihr nächster Schritt sie führt. Was sie für sich herausfinden wollte, war: Wie lerne ich, meinem Spüren, meinem Bauchgefühl zu vertrauen? Denn die Intuition ist ein wesentliches Werkzeug in ihrer neuen Ausrichtung. Ich bin begeistert von ihrem Ansatz, der so gut zu ihr, ihrem Wesen und Wissen passt. Ihr neues Vorhaben ist ein gutes Beispiel dafür, wie die berufliche Entwicklung Unternehmerinnen darin stärken kann, sich selbst zu vertrauen und mutig weiterzugehen. Ich wünsche allen Leser*innen eine inspirierende Lektüre und dir, liebe Annette, alles Gute mit "ZWISCHEN RÄUMEN".

Liebe Annette, du hast vor zwanzig Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Was hat dich seinerzeit motiviert, dich beruflich auf eigene Beine zu stellen?

Ich leitete das Lektorat für Architekturfachbücher in einem Verlag, als die Sparte wegrationalisiert wurde. Die Initiative kam schließlich von den Autoren. Sie sagten: „Machen Sie sich selbstständig, wir sind Ihre ersten Kunden." Ich wusste damals gar nicht, wie „selbstständig" geht. Ich kannte nur Festanstellungen. Also habe ich mich schlau gemacht, alles vorbereitet. Drei Monate nach der Geburt meines Sohnes habe ich mit Gründungsförderung im Arbeitszimmer losgelegt. Ein Laptop, ein kleines Büro zu Hause. Mehr brauchte ich nicht, um meine Agentur ins Laufen zu bringen. Das war also ein Sprung mit Ansage, angestoßen durch die Kündigung meines Arbeitgebers. 

Die Selbstständigkeit hat dich zwei Jahrzehnte lang getragen. Doch heute, mit Ende 50, beginnst du noch einmal neu. Was steckt dahinter?

Ich kombiniere nun meine Kompetenz als Architektin mit der Begleitung von Menschen in persönlichen Krisen; vor allem geht es um familiäre Veränderungen: Kinder ziehen aus oder der Partner stirbt. Das fordert die Betroffenen persönlich heraus und verändert die Bedürfnisse, wenn es um Wohnen und Arbeiten geht.

Denn wenn ein geliebter Mensch plötzlich fehlt, verändert sich alles. Das Haus wirkt von einem Tag auf den anderen überdimensioniert, fast bedrohlich. Die Jacke es verstorbenen Ehemannes hängt noch an der Garderobe, riecht nach seinem After Shave, die Bücher stehen im Regal. Und jeder Rat von außen stellt das eigene Verhalten in Frage.

In dieser Phase helfe ich Frauen, sich selbst und ihre Bedürfnisse wieder wahrzunehmen. Sich einen Anker in ihren vier Wänden zu schaffen. Oft ist es ein Rückzugsort, bei dem man die Tür hinter sich schließen kann, mit der richtigen Beleuchtung, einem bequemen Sessel, einer Kerze. Ein Ort, an dem die Witwe nicht funktionieren muss. Wenn das Zuhause uns subtil Kraft zieht, weil es nur noch aus Erinnerung besteht, ist die Zeit reif, es umzugestalten. Speziell für Frauen in Trauerphasen habe ich das Programm „Die Zeit dazwischen" entwickelt. Dieser neuen Arbeit habe ich das Label „Zwischen Räumen" gegeben.

 

Das klingt nach einer sehr intimen Arbeit. Wie unterscheidet sich das von einer klassischen Einrichtungsberatung?

Vor einer Um- oder Neugestaltung stehen die individuellen Bedürfnisse. In meinem dreiwöchigen Begleitprogramm schauen wir: Was belastet gerade am meisten? Was braucht es jetzt, um den herausfordernden Alltag zu erleichtern? Ich arbeite sehr intuitiv, nehme im Gespräch fein wahr, was sich zeigt. In den Menschen und in den Räumen. Aus meiner Wahrnehmung heraus entwickle ich individuelle Übungen als Anker im Alltag und fasse sie auf einem persönlich gestalteten Poster zusammen. Das hilft den Frauen dabei, auch nach der Begleitung mit sich und den eigenen Bedürfnissen in Kontakt zu bleiben.

Was hat dich dazu bewegt, deinem Business diese neue Richtung zu geben?

Die Welt hat sich gedreht. Der Markt für klassische Texte verändert sich rasant. Viele nutzen die KI, statt Dienstleister zu beauftragen. So ist das Grundrauschen meiner Auftragslage deutlich leiser geworden. Doch der eigentliche Impuls kam von innen. Ich habe jahrelang über die Ästhetik von Gebäuden geschrieben, über Bausubstanz und Interior Design. Was mich immer mehr interessiert hat, ist das, was man eben nicht sofort sieht: die Wechselwirkung zwischen Mensch und Raum. Wir alle kennen dieses diffuse Gefühl, wenn wir einen Raum betreten und uns sofort unwohl oder seltsam beengt fühlen. Oft liegt es nicht an der Einrichtung, sondern an der Geometrie, am Licht, an der mangelnden Geborgenheit.

Worin erkennst du rückblickend die größte Hürde für dich auf deinem Weg der Neupositionierung?

Es war für mich herausfordernd, die Brücke zu schlagen zwischen der Architekturwelt und der weichen Komponente der Intuition.

Ich hatte Sorge, nicht ernst genommen zu werden oder mein Standing in der Branche zu verlieren. Deshalb bin ich zu dir ins Coaching gekommen. Ich habe verstanden, dass meine Intuition kein weicher Faktor ist. Sie ist eine Qualität, die oft höher zu bewerten ist als jede Zertifizierung.

Ich musste lernen, mein tiefes, inneres Wissen anzunehmen. Heute weiß ich: Genau dieses Feuer brennt in mir. Du hast mich dazu ermutigt, diesem Wissen zu vertrauen und ihm Raum in meiner Selbstständigkeit zu geben. Das war wesentlich für meine jetzige Positionierung.

Viele Frauen in der Lebensmitte zögern, noch einmal neu zu starten. Was sagst du ihnen?

Es geht darum, Veränderung anzunehmen, statt sich gegen sie zu stemmen.

Wer sich gegen Veränderung wehrt, wehrt sich gegen das Leben.

Ich hatte neulich eine Kundin, Anfang 60, die ihren Mann verloren hat. Sie sagte ganz leise: „Ich wäre eigentlich total gerne Gärtnerin." In diesem Moment ging ihr Herz auf. Viele sagen: „Das lohnt sich doch nicht mehr." Aber im Idealfall haben wir noch 30 Jahre vor uns. Es lohnt sich immer zu fragen: Wie will ich leben und wie will ich mich in der Zeit, die mir bleibt, erleben?

Woher nimmst du die Kraft für deinen Neustart?

Wenn ich sehe, wie dankbar Menschen für meine Unterstützung sind, weiß ich: Das ist keine klassische Arbeit, das ist mein Weg. Das nährt und erfüllt mich. Und ich sorge heute besser für mich. Das heißt: Ich setze Grenzen und schaffe mir Freiräume in unserem Haus. Mein Zimmer ist mein Bereich. Die Regeln sind klar: Jeder respektiert meinen Raum und kommt nicht einfach herein. Ich gönne mir Rituale. Morgens sitze ich an unserem Ofen, schaue ins Feuer, trinke meinen Kaffee. Ich lasse die Gedanken kommen und richte mich auf den Tag aus.

Welche Botschaft hast du für alle, die sich gerade „zwischen Räumen" befinden?

Phasen des Umbruchs sind Chancen, bewusst neu zu beginnen und Potenziale zu leben, die vor allem viele Frauen viel zu lange unter Verschluss gehalten haben.

Mein Appell: Hört genau hin. Fragt Euch: Was macht euch Freude? Seid mutig und tut das, was euch wirklich erfüllt.

 

Danke, liebe Annette, für dieses ermutigende Gespräch.

 

Annette Galinski

Annette Galinski ist Dipl.-Ing. Architektur und Gründerin von ZWISCHEN RÄUMEN und lebt in der Südpfalz. Sie verbindet intuitives Coaching mit bedürfnisorientierter Raumgestaltung und begleitet Menschen in der Lebensmitte, wenn sich ihr Leben spürbar verändert. Ihr feiner Blick gilt der Wechselwirkung zwischen innerem Erleben und äußeren Räumen. Vor ihrer Neuausrichtung war sie viele Jahre mit ihrer Agentur Architekturtext selbstständig und begleitete Architektur- und Wohnthemen als Autorin, Lektorin und Beraterin. Heute unterstützt sie Menschen in Übergangsphasen dabei, bei sich anzukommen, klarer zu sehen und ihre Räume so zu gestalten, dass sie zum neuen Lebensabschnitt passen.

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